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Mumie - nicht lieferbar! -



Einen völlig anderen Werkstoff stellt die Substanz dar, die gemeinhin unter dem Namen Mumie bekannt ist. Lange wurde Mumie für aspahlthaltig gehalten und deswegen in der maltechnischen Literatur im Zusammenhang mit Asphalt erwähnt. Nachdem dies natürlich auch einige Verwirrung in der Terminologie ausgelöst hat, erscheint eine genauere Untersuchung des Begriffs Mumie notwendig.

Mumie stand und steht noch für natürlich oder künstlich dehydrierte und dadurch konservierte Leichname tierischer oder menschlicher Natur. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die mumifizierten Körper grösstenteils zusätzlich mit pflanzlichen Harzen, Balsamen und Essenzen einbalsamiert worden sind. Auch in den maltechnischen Traktaten sind sämtliche Begriffe, die sich auf das Farbmittel oder den Rohstoff beziehen, eindeutig auf den Begriff Mumie zurückzuführen. Das Farbmittel heisst Mumie oder Mumienbraun, Mumian, Momie, Mumia vera oder Mumia ägyptica echt, wobei das englische und romanische Sprachgebiet ganz ähnliche Begriffe aufweist (mummy, mommy, mummia, momia, carne momia etc.). Bitumen wird nur in einer Textstelle als Synonym aufgeführt, ebenso wie die Bezeichnung ägyptisches Braun. Diese beiden Begriffe gehörten demnach wohl nicht zu den gängigen Handelsnamen. Zusätzlich wurde im auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts durch Extraktion mit Ammoniak, organischen Lösungsmitteln oder ätherischen Ölen eine Substanz aus Mumie gewonnen, die in der Literatur unter der Bezeichnung Mumiin anzutreffen ist. Dabei gingen die Autoren davon aus, dass der extrahierte Farbstoff im Grunde nicht anderes sein könne als der zum Einbalsamieren verwendete Asphalt.

Die neuere Literatur nimmt an, dass mumifizierte Körper aus Ägypten schon ab dem 12. Jahrhundert nach Europa importiert und hauptsächlich als Arzneimittel und Droge genutzt wurden. Die Substanz war zwar bekannt, aber schwer zu beschaffen und äusserst selten, da der Export von Mumien aus Ägypten spätestens ab dem 17. Jahrhundert verboten war. Die schwierige Beschaffungslage war wohl auch die Ursache dafür, dass das Material von den Künstlern verhältnismässig selten benutzt und demzufolge in den Traktaten auch selten erwähnt wurde. Dagegen war eine mögliche Scheu oder gar religiöse Pietät von Seiten der Händler und Maler angeblich nicht ausschlaggebend: es wird sogar behauptet, im 17. Jahrhundert seien infolge ausbleibender Importe künstlich mumifizierte, menschliche Leichname neueren Datums als alte Mumie deklariert und in Umlauf gebracht worden; ein Vorwurf der noch im 19. Jahrhundert erhoben wurde.

Die Nennung von Mumie als Künstlerfarbe findet sich durchgehend ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Da ein exaktes Datum für den Beginn ihrer maltechnischen Verwendung bis heute nicht ausgemacht werden konnte, wird die früheste Verwendung als Farbmittel in das 16. Jahrhundert geschätzt. Zwar schreibt Doerner in seinen Maltmaterialien, Plinius habe bereits die maltechnische Verwendung von Mumien gekannt. Allerdings spricht Plinius nicht konkret von Mumien, sondern von "Kohlen". 1587 zählt der Italiener Giovanni Battista Armenini die Farbe zusammen mit andern Schwarztönen auf, ohne sich weiter über das Rohmaterial zu äussern, und noch um 1800 wird Mumie in einem englischen Traktat schlicht als "Fleisch der Mumie" definiert. Eine ausführlichere Charakterisierung des Materials vor dem Beginn naturwissenschaftlicher Analysen von Mumien, die am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzen, lieferte George Field. In einer Publikation aus dem Jahr 1809 beschreibt er Mumie als "ägyptisch,...in einem Klumpen, von Knochen etc. durchsetzt - mit einem starken Geruch, der an Knoblauch und Ammoniak erinnert." Das Material sei gut zu zerreiben, recht teigig und, abgesehen von einer gewissen Sonnenempfindlichkeit, äusserst stabil. Wie schon bei Asphalt variiert die Bezeichnung der Farbe in den Traktaten zwischen braun und schwarz.

Geht man in der Fülle der Literatur aus, gelangte das seltene Material im 19. Jahrhundert anscheinend zu einer ausserordentlichen Beliebtheit. Echte Mumie aus Ägypten wurde im Handel in Form eines hellen, schokoladenfarbenen Pulvers oder in ganzen Stücken angeboten. Ganze Köpfe wurden pro Stück, bereits zerfallene Substanz pro Pfund oder Kilo berechnet. Dabei war der Umgang mit der seltenen Ware mitunter recht skurril. "Die letzte Mumie, die wir hatten", wird der Vertreter einer englischen Firma zitiert, "war eine egyptische Frau. Sie war noch nicht 2100 Jahre alt und gab ein schönes Braun." Die Verarbeitung von Mumie ähnelte derjenigen von Asphalt. Bereits zermörserte Mumie konnte gleich vermalt werden, während Mumienstücke zuerst in Wasser gequollen und anschliessend pulverisiert wurden. Zum Teil wurde die reine Fleischsubstanz bevorzugt, zum Teil war man der Meinung, dass Knochen, Stoffreste und die zur Balsamierung verwendeten Materialien der Farbe mehr Körperhaftigkeit verleihen würden. Die Bindemittel waren öl- und harzhaltig und verliehen der Farbe einen lasurhaft hellen, warmen, braunen Ton, der vorwiegend zum Schattieren benutzt wurde. Durch einen grösseren Gehalt an Feststoffen wurde der Mumie im allgemeinen in den Maltraktaten zuverlässige Eigenschaften zugesprochen und ihre Verwendung anstelle von Asphalt empfohlen.

Echte Mumie musste schon im 19. Jahrhundert überaus rar gewesen sein, so dass die einschlägige Literatur beizeiten auf Fälschungen aufmerksam machte und Möglichkeiten der Erkennung echter Mumie in Umlauf brachte. Unter dem Sammelbegriff Mumie waren künstlich mumifizierte Kleintierkadaver ebenso im Handel wie Surrogate aus pulverisiertem Asphalt, Weihrauch oder Aloe, aus Kolophonium und Fichtenharz oder aber aus gebrannten Pigmenten wie Umbra, Ocker, grüner Erde oder Elfenbeinschwarz.

Mit Fälschungen kam auch die Sorge um die korrekte Terminologie der aus Mumie hergestellten Farbe auf. Die Maltechniker des 19. Jahrhunderts waren der Meinung, die gängigen Begriffe seien nicht dazu geeignet, das Pigment eindeutig zu definieren und eventuell von Fremdmaterialien zu unterscheiden. Der Name Mumie oder Mumienbraun müsse vielmehr zwingend mit dem aus pulverisierter, authentischer ägyptischer Mumie hergestellten Pigment verbunden werden.

Genauere chemische Analysen mumifizierter Körper wurde erst Ende der 80er Jahre mit dem Aufkommen moderner und zuverlässiger, naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden - vor allem der Gaschromatographie und der Massenspektrometrie - publiziert. Allerdings wurde die wenigen bisher veröffentlichten Untersuchungen ausschliesslich an "rohen" Mumien durchgerührt; zu Mumie enthaltenden Malschichten gibt es keine Aussagen. 1986 veröffentlichte Raymond White als erster seine Ergebnisse. Er hatte Proben von Mumien untersucht, die nicht in irgendeinerweise mit Malmitteln versetzt waren. Die analysierten Substanzen bestanden im wesentlichen aus den pflanzlichen Gummen und Harzen der verwendeten Klebstoffe, den Sacchariden und Proteinen aus der Fleischsubstanz und den Materialien, mit denen die Mumie eingehüllt war. In keiner der Proben wurde Bitumen gefunden. Inzwischen haben aber jüngere Publikationen der naturwissenschaftlichen und ägyptologischen Forschung - weitgehend unbeachtet von der kunsttechnologischen Fachwelt - den eindeutigen Nachweis für eine Verwendung von Bitumen in der Einbalsamierung erbracht.

Quelle: "Der größte Kehricht aller Farben?" (1999) von Catarina Bothe

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